Arbeit am PC
Wohlbefinden

Ergonomie am Arbeitsplatz

Verspannter Nacken, Schmerzen im Rücken, Kopfdruck, Sehschwäche — die Liste der Beschwerden nach dem konzentrierten Arbeiten am PC ist lang. Und die Gespräche unter Gleichaltrigen zeigen, dass gesundheitliche Beschwerden durch Bildschirmarbeit immer mehr zunehmen. Na klar, mit zunehmendem Alter müssen wir sowieso immer mehr für unseren Körper tun. Rücken ist das neue Rauchen, das wissen wir ja. Daher geht’s nach dem Job zum Yoga, zum Joggen oder ins Fitnessstudio. In jedem Fall ist Bewegung angesagt (im Optimalfall).

Was aber können wir bereits am Arbeitsplatz tun? Wie könnte eine gute Vorsorge aussehen, damit viele Symptome sich erst gar nicht zeigen? Ich habe dazu einmal Dr. Almut Betzen befragt, Ärztin für Arbeitsmedizin. Almut arbeitet seit vielen Jahren für einen überbetrieblichen arbeitsmedizinischen Dienst und betreut kleine und mittelgroße Unternehmen, die keinen eigenen Betriebsarzt haben.

Almut, welchen Stellenwert nimmt bei deiner Arbeit die ergonomische Arbeitsplatzgestaltung ein?

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Dr. Almut Betzen

Das hängt sehr vom jeweiligen Betrieb ab – in produzierenden Unternehmen natürlich weniger. In Verwaltungen, Banken und ähnlichen Bereichen stellt die ergonomische Arbeitsplatzgestaltung aber den Schwerpunkt meiner Tätigkeit dar. Hier ist es oft so, dass ich von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz gehe, und jeden Mitarbeiter einzeln an seinem Schreibtisch berate. Das ist zwar zeitaufwendig, aber sehr effektiv, da ich auf die individuellen Arbeitsplatzverhältnisse eingehen kann. Ich erkläre die ergonomischen Grundlagen, messe optimale Tischhöhen aus, erkläre die Einstellmöglichkeiten des Bürostuhls und kann hilfreiche Tipps geben.

In welchen Situationen wird deine Kompetenz angefragt? Bei Neugestaltung eines Büros oder eher bei gesundheitlichen Problemen von Mitarbeitern?

Leider oft zu spät. Es wäre sehr hilfreich, wenn der Betriebsarzt beispielsweise bei der Neubeschaffung von Mobiliar oder Monitoren mit ins Boot geholt würde, aber das kommt sehr selten vor. Dann wurden für viel Geld Tische beschafft, die keine ausreichende Höhenverstellbarkeit bieten, oder Monitore, die nicht ergonomisch eingestellt werden können. Das ist dann immer sehr schade.

Daher bemühe ich mich, die Mitarbeiter bei den Arbeitsplatzbegehungen zu beraten, die routinemäßig in den Betrieben stattfinden. Und wenn gesundheitliche Beschwerden bei den Mitarbeitern aufgetreten sind, werde ich natürlich auch oft um eine individuelle Beratung gebeten.

Mit welchen Problemen wirst du hier konfrontiert?

Die meisten Probleme beziehen sich mittlerweile auf die Möbel, also Bürostuhl und Schreibtisch. Oft sind die Tische alt und nicht ausreichend in der Höhe einstellbar, und auch die Stühle sind manchmal schon recht durchgesessen.

Die alten Röhrenmonitore sind hingegen fast überall gegen Flachbildschirme ausgetauscht, die flexibel auf dem Schreibtisch positioniert werden können. Leider wurden die neuen Bildschirme aber oft „schräg seitlich“ auf den Platz der alten Monitore gestellt. Viel besser wäre es, die Monitore geradeaus auf dem Tisch aufzustellen, damit man sich nicht verdrehen muss.  

Räume oft zu klein und zu dunkel

In manchen Betrieben ist Platzmangel ein Problem, so dass die Räume bezogen auf die Anzahl der Mitarbeiter zu klein sind. Auch fällt mir oft auf, dass die Räume zu dunkel sind – was aber oft daran liegt, dass die Mitarbeiter die Fenster mit Jalousien oder Rollos abgedunkelt haben, oder das elektrische Licht einfach nicht eingeschaltet wird. Interessanterweise spüre ich bei diesem Thema am häufigsten Widerstand gegen meine Beratung – viele mögen es lieber düster und „kuschelig“, auch wenn es für Psyche und Augen besser wäre, anders zu arbeiten.

Welche gesundheitlichen Beschwerden besprichst du in diesem Zusammenhang am häufigsten?

Am häufigsten sind Rücken- und Augenprobleme. Die Rückenprobleme sind oft auch durch eine ungünstige ergonomische Arbeitshaltung bedingt. Genauso wichtig ist es aber, das dauerhafte Sitzen zu unterbrechen: Zwischendurch aufstehen, ein paar Schritte gehen – zum Beispiel zum Kollegen/zur Kollegin, dem oder der man sonst eine Mail geschickt hätte – oder auch einfach mal im Stehen telefonieren. Aber auch auf dem Stuhl darf man sich ruhig einmal anders hinsetzen – mal angelehnt an die Rückenlehne, mal im vorderen Bereich des Stuhls, oder auch gern mal mit nach hinten geneigter Rückenlehne. Das ist für die Bandscheiben in der Lendenwirbelsäule besonders gut!

Regelmäßige Kurzpausen für die Augen

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Hinsichtlich der Augen höre ich häufiger Klagen über müde, brennende, trockene oder auch tränende Augen. Um dies zu vermeiden ist die richtige, nicht zu hohe, Einstellung des Monitors wichtig, die ausreichende Helligkeit am Arbeitsplatz, und regelmäßige Kurzpausen.

Welche Fehler in ergonomischer Hinsicht werden beim Arbeiten am PC am häufigsten gemacht?

Sehr häufig passt die Tischhöhe nicht zu den Körpermaßen der Person, die an ihm sitzt. Wenn ein Arbeitsplatz nur von einer einzigen Person genutzt wird, sollte die Tischhöhe individuell eingestellt werden: Bei auf dem Boden aufgestellten Füßen und einem etwa rechten Winkel in Knie und Hüfte sollte der Ellenbogen sich in der Höhe der Tischplatte befinden – und zwar bei locker herabhängenden Schultern! Wenn die Tischplatte zu hoch ist, neigt man dazu, die Schultern hochzuziehen, um die Tischplatte zu erreichen – und das führt natürlich zu Verspannungen im Schulter-Nackenbereich.

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Was ich auch sehr häufig sehe, sind die falsche Positionierung von Tastatur, Maus und Monitor. Die Tastatur und die Maus sollten nahe am Körper sein – mit einem Abstand von 10 cm zur Tischkante, und die Maus direkt neben der Tastatur. Wenn man mit Papiervorlagen arbeiten muss, ist es besser, diese zwischen der Tastatur und dem Monitor zu platzieren, als vor der Tastatur. Und der Monitor wird häufig zu hoch aufgestellt, was für die Nackenmuskulatur und die Augen ungünstig ist. Besser ist, wenn der Blickwinkel auf den Monitor leicht abwärts geneigt ist – so etwa 35° unterhalb der Horizontalen. Und dann sollte die Neigung des Monitors so eingestellt werden, dass die Blickachse und die Monitorachse sich im rechten Winkel treffen. Eigentlich genau so, wie man es beim Lesen eines Buches oder einer Zeitschrift automatisch richtig macht.  

An meinem eigenen Arbeitsplatz bin ich noch mit zwei anderen Problemen konfrontiert: die Arbeit an zwei Bildschirmen und störende Reflexionen. Ich arbeite an einem Mac, dessen Oberfläche sehr stark spiegelt, so dass ich mich auch immer selbst darin sehe. Das geht sehr auf die Augen! Eine Folie für den Bildschirm brachte nur Unschärfe. Die Arbeit an zwei Bildschirmen habe ich aufgegeben, da sie zu Verspannungen führte. Wie lauten hier deine Tipps?

Reflexionen sollten eigentlich durch die Positionierung des Schreibtisches in Bezug auf das Fenster beseitigt werden – sprich: Kein Fenster hinter deinem Arbeitsplatz (und auch nicht vor dem Schreibtisch), sondern Lichteinfall von der Seite. Wenn das räumlich nicht geht, eine verstellbare Jalousie oder am besten „Vertikallamellen“ am Fenster anbringen (kennst du vielleicht aus Arztpraxen). Hiermit kannst du durch das Drehen der Lamellen in eine schräge Position direkten Lichteinfall auf den Monitor verhindern, aber gleichzeitig noch genügend Streulicht in den Raum hineinlassen. 

Zwei Monitore genau positionieren

Bei der Arbeit mit zwei Monitoren sollte man die Monitore wie auf einem großen Halbkreis anordnen, also nicht exakt parallel, sondern die äußeren Ränder etwas nach innen gekippt. Und möglichst dicht beieinander aufstellen. Dann sollte man sie entsprechend dem Zeitanteil positionieren, den man mit jedem einzelnen Monitor arbeitet. Das heißt: Wenn ich mit beiden Monitoren gleich viel arbeite, sollte die Lücke zwischen beiden Monitoren genau geradeaus vor mir liegen. Wenn ich einen Monitor zu 90 Prozent meiner Arbeitszeit nutze, sollte er fast geradeaus stehen, damit ich die meiste Zeit nach vorne schaue, und nur gelegentlich den Kopf zur Seite drehen muss, um auf den zweiten Monitor zu schauen.

Oft fehlt es in den Unternehmen an guten ergonomischen Büroeinrichtungen. Welche Unterstützung kann (oder muss) es denn vom Arbeitgeber geben?

Zunächst einmal muss der Arbeitgeber den Mitarbeitern an Büroarbeitsplätzen eine „Bildschirmarbeitsplatzvorsorge“ beim Betriebsarzt anbieten. Der Mitarbeiter kann das Angebot annehmen oder auch ablehnen, ohne dass ihm daraus ein Nachteil erwächst. Diese Bildschirmarbeitsplatzvorsorge beinhaltet einen Sehtest und die Möglichkeit, sich über ergonomische Grundsätze oder Probleme beraten zu lassen.

Mindestens 500 Lux am Bildschirmarbeitsplatz

Der Arbeitgeber hat dafür Sorge zu tragen, dass die Helligkeit am Bildschirmarbeitsplatz mindestens 500 Lux beträgt. Der Schreibtisch muss über eine Mindesttiefe von 80 cm verfügen, damit der Monitor ausreichend weit entfernt aufgestellt werden kann.

Auf Wunsch des Beschäftigten hat der Arbeitgeber eine Fußstütze und einen Manuskripthalter zur Verfügung zu stellen, wenn eine ergonomisch günstige Arbeitshaltung auf andere Art und Weise nicht erreicht werden kann.

Es gibt außerdem noch eine Vielzahl von Sollvorschriften, die aber vom guten Willen des Arbeitgebers abhängen.


🤗 Vielen Dank, liebe Almut, für diese ausführlichen Informationen und für den Einblick in deinen Arbeitsbereich!

Na, dann wünsche ich uns allen einen Top Job, auch in ergonomischer Hinsicht! 😉 Hier noch eine kleine Zusammenfassung:


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