Miteinander

Die Kinder in die Welt entlassen

Auf einmal war der Tag da, an dem unser jüngster Sohn das Haus verließ. Eigentlich sehr unspektakulär, da er für den Start ins Studium erst einmal zu seinem Vater zog. Für unsere Patchwork-Familie war dies nicht ungewöhnlich, da unsere Kinder ja regelmäßig ihren Aufenthaltsort wechselten. Wochenenden oder Ferien ohne die Jungs, diese Situation war uns bekannt. Auch das erste Weihnachten ohne Kinder lag schon so viele Jahre hinter uns. Verabschieden, Vermissen und Wiedersehen waren feste Bestandteile unseres Zusammenlebens.

Und dennoch: Der Auszug der Kinder – so wurde mir zeitversetzt klar – läutete große Veränderungen ein. Eine neue Lebensphase. Endgültig vorbei die Zeit des allmorgendlichen Gewusels in Küche und Bad, vorbei die Zeit der Gespräche über Schule und Hobbies, des Lachens oder auch Streitens unter einem Dach. Vorbei aber auch die Zeit der Organisation von Familie, Beruf und Haushalt, des Hetzens von einem Termin zum nächsten, immer mit der Sorge im Nacken, etwas zu vergessen. Oder dass jemand zu kurz kommt. Alle im Blick zu haben, jeden mit seinen Bedürfnissen zu unterstützen, die Familie zusammenzuhalten, das, was Elternsein eben ausmacht.

Die Ruhe im Haus

Denn ich und die meisten Eltern, die ich kenne, möchten es möglichst gut und es allen recht machen. Und dabei kommen sie selbst oft zu kurz, ohne es vielleicht zu bemerken. Natürlich finden Mütter und Väter ihre Selbstverwirklichung im Elterndasein, im Job, oder in der Kombination von beidem. Aber was über die Jahre tatsächlich wenig Raum findet, sind regelmäßige Pausen, der Abstand von allen Verpflichtungen, das Energietanken. Und das habe ich erst so richtig gemerkt, als sich die Ruhe über unser Haus legte.

Plötzlich gab es Momente, in denen ich verzückt die Stimmen unserer kleinen Kinder wieder im Haus hörte und gleichzeitig mit einem Kaffee in der Hand die Ruhe genoss, das Sich-nicht-kümmern-müssen. Jetzt gab es ein Feierabend-Gefühl, das sich nach der Rückkehr vom Arbeitsplatz einstellte. Plötzlich war – regelmäßig – so viel Zeit übrig! Für’s Ausruhen nach der Arbeit oder für das Bummeln ohne Blick auf die Uhr. Für mehr Zweisamkeit und spontane Treffen mit Freunden. Für das selbstvergessene Ausüben von Hobbies, inklusive entspanntem Lächeln beim anschließenden Blick in den leeren Kühlschrank.

Zeit, einen Gang runterzuschalten

Seit drei Jahren leben mein Mann und ich nun ohne die Kinder im Haus, haben uns in der neuen Lebensphase eingerichtet und die Räumlichkeiten angepasst. Natürlich denke ich viel an die zurückliegende Zeit mit den Jungs. An die einzelnen Phasen des Heranwachsens, an lustige Momente und an Situationen, in denen mir der Atem stockte. Aber alles hat tatsächlich seine Zeit. „Die Rushhour des Lebens ist jetzt vorbei“, sagte neulich eine gleichaltrige Freundin zu mir. Zeit einen Gang runterzuschalten und das Tempo des Lebens zu verlangsamen. Zeit für mehr Muße, mehr Genuss.

Und so genieße ich den gegenwärtigen Zustand: stolze Mutter von erwachsenen Kindern zu sein, die verantwortungsvoll ihren Weg gehen. Einen Weg, den ich mit interessiertem Blick aber respektvollem Abstand verfolge und mit Ratschlägen begleiten darf. In regelmäßigen Telefonaten, bei gegenseitigen Besuchen und gemeinsamen Vorhaben, auf die auch die Jungs viel Wert legen.

Der Auszug der Kinder ist eine Zäsur, auf die man sich emotional nicht vorbereiten kann. Aber letztendlich ist es doch so: Eine wunderschöne, reiche Lebensphase endet damit, die Erziehungsverantwortung abzugeben und die Kinder gut vorbereitet in die Welt zu entlassen. Dafür können wir Eltern uns ruhig einmal auf die Schulter klopfen!

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