Trudy Braun, Initiatorin des Wohnprojektes Brühl WP55plus
Miteinander

„Selbstbestimmt leben? – Dafür müssen wir etwas tun!“

Wohnen im Alter: Interview mit Trudy Braun 

Das Thema meines letzten Beitrages „Wohnen 50 plus“ lässt mich irgendwie nicht los. Daher habe ich beschlossen, bei der Initiatorin des Wohnprojektes Brühl 55Plus einmal konkret nachzuhören: Ich wollte wissen, wie sie aktiv geworden ist und was sie antreibt. Hier mein Interview mit Trudy Braun:

Liebe Frau Braun, seit wann beschäftigen Sie sich eigentlich mit der Frage, wie Sie in Zukunft wohnen möchten?

Vor zehn Jahren etwa, ich war so um die 60, stand die Frage im Raum: Will ich im Alter ins Altersheim? Wie wird dann mein Tagesablauf sein? Den Tagesablauf im Altersheim meiner Patentante fand ich sinnvoll, aber ich wollte nicht so leben. Nächste Frage: Gibt es eine Alternative? Zu diesen Gedanken kam dann ein Erlebnis, das mich aufschrecken lies: Die Eltern meiner Freundin, beide Anfang 80, lebten in ihrem Einfamilienhaus mit Unterstützung der Tochter. Und von einem Tag auf den anderen reichte diese Hilfe nicht mehr. Sie mussten ihr Haus aufgeben. Die Tochter brauchte mehrere Monate, um ein geeignetes Altersheim zu finden und die Auflösung des Haushalts und den Verkauf des Hauses zu bewerkstelligen. Da habe ich beschlossen, dass ich dies meinen Kindern nicht zumuten möchte.

Was hat Sie dazu bewegt, sich nach anderen, alternativen Wohnformen umzusehen?

Was will ich? Wie will ich wohnen? Was brauche ich? Um Antworten auf diese Fragen zu finden brauchte ich Informationen. Diese fand ich z. B. durch einen Vortrag des Politikers Henning Scherf. Aber nicht nur der Vortrag, auch die Bücher, die mir „in die Hände fielen“ und das Internet gaben mir viel Lesestoff zum Thema „Wohnen im Alter“. Ich erkannte, auch durch persönliche Besuche, was mir gefiel und was für mich nicht erstrebenswert wäre.

Womit haben Sie Ihr Engagement begonnen?

2012 hatte ich aufgrund persönlicher Erlebnisse das Gefühl, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, in eine altersgerechte Wohnung zu ziehen. Damals lebte ich in einer Partnerschaft und beschloss: 2014 ziehe ich in eine Wohnung nach Brühl. Haus und Garten waren auf die Dauer zu groß und ich hatte zwei Jahre Zeit, den Umzug vorzubereiten. Das habe ich dann auch gemacht. In Brühl gab es seit 2014 die „33 Rosen“, eine Gruppe von Frauen, die sich für das Wohnen im Alter interessierten. 2015 bin ich zu der Gruppe gestoßen.

Welche Aufgabe haben Sie innerhalb der Initiative übernommen?

Die Gruppe traf sich regelmäßig und besuchte auch alternative Wohnprojekt, z.B. die Beginen in Essen, Amaryllis in Bonn etc. 2015 habe ich die Leitung der „33 Rosen“ übernommen. Wir fanden verschiedene Häuser oder Grundstücke, aber die Realisierung eines Wohnprojektes war meistens aufgrund der finanziellen Anforderungen unmöglich.

Wie würden Sie das generelle Interesse an alternativen Wohnformen im Alter einschätzen?

Das Interesse an alternativen Wohnformen ist vor allem bei den 50- bis 60-Jährigen sehr groß, weil sie sehen, dass sie etwas unternehmen müssen, wenn sie im Alter nicht einsam leben wollen. Die Älteren, vor allem 80-Jährige, sagen oft: Tolles Projekt, wir kommen dann noch mal wieder, wenn es so weit ist. Sie können sich nicht entscheiden und sie können nicht loslassen. Natürlich gibt es unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche: Die einen wollen ein Mehrgenerationenhaus, die anderen eine Genossenschaft, wieder andere wollen Eigentumswohnungen.

Was hat Sie denn persönlich bei Ihrem Engagement beflügelt?

Es gibt viele Informationen über den demografischen Wandel. Es werden immer mehr Menschen sehr alt werden und somit steigt der Bedarf an altersgerechten
Wohnungen. Wenn alle alten Menschen in Altenheimen und Pflegeheimen untergebracht werden sollen und die Kosten der Alterspflege steigen, wird dies die Sozialkassen stark belasten. Denn die Renten werden geringer ausfallen und nicht ausreichen. Studien haben ergeben: Sind die Menschen nicht einsam und haben eine intakte Nachbarschaft, so beschränken sich die Aufenthalte in Pflegeheimen auf die letzten Tage und nicht auf Jahre. Wir hatten noch nie so viele fitte alte Menschen, die gerne selbstbestimmt leben möchten. Dann müssen wir auch etwas dafür tun. Also tue ich etwas.

Welche Herausforderungen mussten Sie bisher meistern?

Nachdem der Leiter des Fachbereichs Bauen und Umwelt, Abteilung Planung, der Stadt Brühl sich bereit erklärte, die Gruppe ehrenamtlich zu beraten, kamen wir in Kontakt mit dem Bauträger. Er reservierte ein Grundstück für ein gemeinschaftliches Wohnprojekt. Und dann waren die „33 Rosen“ nicht mehr interessiert. Dies ist kein Einzelfall: Hat man eine Gruppe, fehlt das Grundstück – hat man ein Grundstück, fehlt die Gruppe. Aber der Chef des Planungsamtes  und ich waren davon überzeugt, dass ein gemeinschaftliches Wohnprojekt Sinn macht. Daher haben wir das Wohnprojekt Brühl 55Plus ins Leben gerufen. (Anmerkung: Es handelt sich um ein Haus mit 16 bis 18 Eigentumswohnungen in einem Brühler Neubaugebiet. Dabei geht es nicht nur um die altersgerechte und barrierefreie Einrichtung, sondern vor allem um das Leben in Gemeinschaft unter einem Dach. Mit gegenseitiger Unterstützung und möglichen gemeinsamen Aktivitäten.)

Was haben Sie bereits erreicht und was liegt noch vor Ihnen?

Zurzeit werden die Erschließungsarbeiten auf dem Grundstück durchgeführt. Wir haben durch Informationsveranstaltungen Interessenten geworben und mittlerweile mehr als 60 Personen in unserem Verteiler. Aus dieser Gruppe hat sich eine Steuerungsgruppe gebildet, die ein Konzept, eine Gemeinschaftsordnung und eine Satzung für den Verein erarbeitet hat. Diese Gruppe ist auch an der Planung der Wohnungen beteiligt, die aktuell läuft. Dabei geht es neben der Barrierefreiheit z. B. um die Größe und die Aufteilung der Zimmer, um Aufzug und Fahrradkeller mit Elektroladestation ebenso wie um den Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss.

Was würden Sie Gleichgesinnten raten, die ein ähnliches Projekt auf die Beine stellen möchten?

Es ist sinnvoll, sich zusammen mit Gleichgesinnten zu informieren, egal ob es im Internet, durch Besuche bei anderen Wohnprojekten, auf Wohnprojektetagen und/oder auf Seminaren ist. Die Bildung einer Interessensgruppe ist sehr hilfreich für die Konzeption eines Wohnprojektes. Sehr wichtig ist auch der Kontakt zu Investoren oder Bauträgern oder Stadt, um ein Grundstück zu erhalten. Für mich unverzichtbar ist vor allem die Beteiligung von Fachberater/innen. Ja, und dann braucht man viel Zeit. Und  Durchhaltevermögen. Aber es macht Spaß, ein solches Projekt in die Hand zu nehmen!

 

4 Gedanken zu „„Selbstbestimmt leben? – Dafür müssen wir etwas tun!““

  1. Ich bin überzeugt, das Thema Wohnen im Alter kommt noch vermehrt und mit Wucht, wenn immer mehr Babyboomer nicht nur in Rente gehen, sondern auch langsam wirklich alt werden. Ich sehe die meisten meiner Jahrgangs-Genossen einfach nicht in einem Altenheim wie sie jetzt üblich sind! Auch mich selbst nicht, nie! Individuelle Lösungen müssen her, dafür müssen wir auch selber etwas tun und können kaum erwarten, dass uns eine Wunderlösung präsentiert werden wird. Wenn es die Gemeinden, der Staat oder sonst eine öffentliche Stelle richten muss, werden es weiterhin eher seelenlose und optimierte Heime sein!

  2. Ein tolles Projekt. Jedoch stimmt es mich traurig, das es nur Eigentumswohnungen sind, die sich wieder einmal nur ein kleiner Teil der Bevölkerung leisten kann. Schade, da ich mir auch schon Gedanken mache, wie ich wohnen möchte.

    1. Liebe Bettina, soweit ich weiß, kann man die Wohnungen von einigen Eigentümern auch mieten. Falls du ernsthaft interessiert bist, höre ich gerne noch einmal nach. Oder du wendest dich selbst an Frau Braun (s. Link zur Website).

Ich freue mich über deinen Kommentar!