Alternative Wohngemeinschaft
Miteinander

Wohnen 50plus: Beispielprojekte

„Ich habe mir ein Nähzimmer eingerichtet, und mein Mann hat jetzt einen Fitnessraum!“ Stolz leuchten die Augen der Frau im „besten Alter“, als sie mir einen kleinen Einblick in ihre Familiengeschichte gibt. Nur als Hinweis dazu, warum die Klamotten ihrer Söhne „nun endlich mal weg müssen“. Ich war mal wieder auf einem Hof- und Garagen-Trödelmarkt unterwegs, der ja auch immer gut ist für ein Schwätzchen hier und dort. Jedenfalls tauschten wir uns darüber aus, was mit Wohnungen und Häusern so passiert, wenn die Kinder ausziehen. Die wenigsten Eltern, die ich kenne, lassen die Kinderzimmer unberührt. Meistens werden Dinge aus- und umsortiert, landen in Kartons auf dem Dachboden, auf dem Trödelmarkt oder im Müll. Ein Gästebett ist das, was bleibt. Und drum herum viel Platz für wiederentdeckte alte oder interessante neue Hobbies. Viele Eltern bleiben daher in den Wohnungen und Häusern, die Mittelpunkt ihres Familienlebens waren. Vielleicht auch, um ihren Kindern das  Zuhause-Gefühl noch eine Zeitlang zu bewahren.

Alternative Wohnprojekte werden immer beliebter

Aber es geht auch anders. Am gleichen Tag nämlich erfuhr ich von einer privaten Initiative hier im rheinischen Brühl, die als großartiges Beispiel für die Entwicklung von alternativen und gemeinschaftlichen Wohnformen vorangeht. Das „Wohnprojekt Brühl 55 Plus“ verfolgt das Ziel, in nachbarschaftlicher Gemeinschaft miteinander zu leben, aufeinander zu achten und selbstbestimmt älter zu werden. Konkret geht es um ein vierstöckiges Haus mit 16 Wohneinheiten in einem neuen Viertel, dessen Bau gerade begonnen hat. Das Haus wurde von der Initiative reserviert und bereits von einem Architekten für diese spezielle Nutzung vorgeplant.

Wer jetzt allerdings an eine Riesen-Alters-WG denkt, ist auf der falschen Fährte. 15 der 16 barrierefreien Eigentumswohnungen sollen an Best-Ager vermietet oder verkauft werden, die unabhängig in ihrer Wohnung wohnen, aber an einer aktiven Hausgemeinschaft teilnehmen wollen. Die 16. Wohnung, im Erdgeschoss, ist dementsprechend für einen Gemeinschaftsbereich vorgesehen, in dem man sich treffen kann. Hier sollen auch offene Veranstaltungen stattfinden, und zwar offen für das ganze Quartier. Außerdem versprechen die Gemeinschaftsflächen im Gartenbereich  gesellige Sommerabende. Da wundert es nicht: Die Liste der Interessenten ist lang!

Wohnen in respektvoller Selbstverwaltung

Ein anderes Konzept verfolgt das Projekt Amaryllis in Bonn. Hier wohnen seit über 10 Jahren etwa 70 Menschen zwischen einem und achtzig Jahren in einer Solidargemeinschaft zusammen. In 33 abgeschlossenen Wohneinheiten, auf 3 Häuser verteilt. Rechtlich handelt es sich um eine eingetragene Genossenschaft, die in Selbstverwaltung und mit finanzieller Beteiligung funktioniert. Sie garantiert spekulationsfreien und sicheren, lebenslangen Wohnraum. Es gibt eine Gemeinschaftsküche, ein Gästezimmer, eine Werkstatt für alle und großzügige Außenanlagen mit Sinnes- und Gemüsegarten. Die Bewohner organisieren zum Beispiel Lesungen, Info-Cafés oder machen gemeinsam ihre Fahrräder fit für die kommende Sommer-Saison. Natürlich entscheidet jeder Einzelne darüber, wie viel Nähe oder Distanz er oder sie benötigt. Ausdrücklich erwünscht ist allerdings die gegenseitige Unterstützung im Alltag sowie der Respekt vor den sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen. Anders würde es auch nicht funktionieren.

Oder religiös motiviert

Ähnlich bunt und ambitioniert ist das Projekt „Gemeinsam Wohnen im Klostergarten“ in Bornheim (zwischen Köln und Bonn gelegen), das unter dem Dach der Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe mbH (kurz GFO) ins Leben gerufen wurde. In dem 10.000 Quadratmeter großen ehemaligen Klostergebäude wurde Wohnraum geschaffen für  minderjährige Flüchtlinge, Mütter mit Kindern und generell für Menschen, die zwar in ihren eigenen vier Wänden, aber nicht alleine leben möchten. Die elf Zweiraumwohnungen sind zur Zeit alle vermietet. Den Mietern stehen ein gemeinsamer Wohn-Essraum, ein Garten, ein Atelier und eine Werkstatt zur Verfügung. Auch ein Kulturcafé bietet Freiraum für die lebendige Gestaltung des Zusammenlebens.

„Alles ist denkbar und vieles ist möglich“, so lese ich im Info-Flyer zu diesem Projekt  Vorausgesetzt wird auch hier: Kontaktfreude, Initiative, aber auch Konflikt- und Kompromissfähigkeit. Klar, dass gemeinschaftliche Wohnprojekte nicht ohne Meinungsverschiedenheiten vonstatten gehen. Da muss ich ja nur an meine Erfahrungen aus WG-Zeiten denken. Und schließlich ist jede Familie ja auch ein gemeinschaftliches Wohnprojekt – je älter die Kinder werden. Eine gute Übung eben für das Entwickeln von Kompromissfähigkeit und für das respektvolle Miteinander.

Wo zieht es mich hin? 

Natürlich kann man auch ein eigenes Wohnprojekt 50plus verfolgen und bei plusWGs, dem Portal für Wohngemeinschaften ab 50, nach Gleichgesinnten suchen. Jedenfalls hat mir meine kleine Recherche zu diesem Thema gezeigt: Wohnen im Alter ist ein großes Thema, über das man nicht früh genug nachdenken kann! Denn spätestens bei der nächsten großen Renovierung jenseits der 50 wird es Zeit, sich mit Fragen zu beschäftigen wie:

  • Kann und will ich in meiner Wohnung älter werden?
  • Wie schaffe ich Barrierefreiheit? Eigenen sich die Räume überhaupt dazu?
  • Habe ich in meiner Umgebung ein funktionierendes soziales Netzwerk?
  • Kann ich Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen, wenn ich nicht mehr mobil bin?
  • Oder möchte ich eigentlich an einem ganz anderen Ort älter werden und meine Rente genießen?

Wie geht ihr damit um? Habt ihr schon mal über Alternativen zu eurer bisherigen Wohnform nachgedacht? Ich bin, wie immer, sehr neugierig!

 

 

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