Miteinander

Durchs Leben schlendern

Diesen Sommer habe ich zum ersten Mal Urlaub mit meiner Mutter gemacht. Nur wir zwei, eine Woche. Meine Mutter ist 77 und fährt selten weg. Klar, dass sie sich total gefreut hat, als ich ihr die Reise vorschlug. Unser Ziel war die Ostsee, dort wo sie früher oft mit uns Kindern war. Ich kann mich kaum daran erinnern, habe nur schemenhaft im Kopf: selbstvergessenes Spielen im Sand, Burgen bauen und schmücken mit Muscheln und Steinen, Abkühlen im Wasser, anschließendes Wärmen bei Mama im Strandkorb. Und dann dieser köstliche Puddingkuchen, den es an einer Strandbude gab. Den habe ich nicht vergessen. Genuss pur!

Diese Erinnerungen im Gepäck war ich gespannt, was uns auf unserer kurzen Reise erwartete – und wurde sehr überrascht. Nach über 40 Jahren hatte sich in dem kleinen Ort sehr viel verändert, natürlich! Die Strandpromenade war ausgebaut worden, viele kleine Hotels und Ferienhäuser säumten den Uferweg und schmucke kleine Cafés luden zum Verweilen ein. Aus dem schmalen Pfad hinauf zum beliebten Steilufer war ein breiter Weg geworden, den sich nun Wanderer und Fahrradfahrer teilten. „Unser“ damaliges Hotel aus den 70ern, in dem wir damals für ein paar Groschen „Pong“ auf einem Atari-Rechner spielten, hatte einem einladenden Wellnesshotel Platz gemacht.

Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Das alles überraschte mich nicht. Es war etwas anderes, das mir erst auffiel, als ich wieder daheim war: Es war das Gefühl von Zeitlosigkeit, Selbstvergessenheit, das ich mit lang zurückliegenden Ferien am Strand verband und das jetzt zurückkehrte. Verursacht durch die Langsamkeit, mit der wir uns durch den Ort, über die Straßen und auf dem Sand bewegten. Ein bisschen habe ich das meiner Mutter zu verdanken, die aus gesundheitlichen Gründen beim Spazierengehen öfter mal pausieren musste. So waren  das Warten und das Ausruhen feste Bestandteile unseres Urlaubs. Die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Die Zeit verstreichen lassen. Slow down eben.

Dazu gesellte sich der Genuss. Die Freude über das Sitzen in der Sonne, den köstlichen Kaffee und den hausgemachten Kuchen unseres „Lieblingscafés“. Oder das Wohlgefühl beim Hineinbeißen in das frische Fischbrötchen am Hafen, den wir durch Schlendern erreichten. Auf dem Weg zurück zum Strand noch einmal Halt machen am Riesenschachspiel auf der Promenade und spontan eine Partie beginnen, auch wenn die Figuren nicht vollständig waren (Saftflaschen und Rucksäcke können Könige und Damen gut ersetzen;-). Hauptsache, man kann beim Spielen die Sonne und die klare Meeresluft genießen.

Und die Zweisamkeit. Denn schließlich erlebten Mutter und Tochter hier ihren ersten Urlaub zu zweit. Oder: Zwei erwachsene Frauen, beide Mütter von erwachsenen Kindern, verreisen zusammen. Jede von ihnen hat ihre Erfahrungen im Leben gemacht, manche ähneln sich, andere nicht. Aber beide respektieren sich, so wie sie sind, akzeptieren die anderen Bedürfnisse und kümmern sich umeinander. Aber vor allem: Sie genießen es, für eine Woche Schulter an Schulter durch das sonnige Leben zu schlendern.

Dieser Urlaub war ein Geschenk!

12 Gedanken zu „Durchs Leben schlendern“

  1. Meine liebe Tochter ! Wie sehr habe ich mit Dir den Urlaub an der Ostsee genossen. Barfuß durch den Sand schlendern. Das Rauschen des Meeres, die gute Luft, die die Lunge verbreitete und über allem Deine Gegenwart, die mich sehr stolz macht deine Mutter zu sein. Das kalte Wasser, die Sonnenuntergänge am Strand und deine Aura der Liebe, die uns beide so glücklich lachen lies. Es war wie ein Paradies auf Erden. DANKE mein Schatz !

  2. Guten Morgen Astrid,
    mal sehen ob wir auch mal mit unseren Kindern an die Orte der Erinnerung fahren werden.

    Sehr schön geschrieben.

    Leider ist meine Mutter mit 82 nicht mehr reisefreudig. Leider eins von vielen Dingen, die sie früher gerne gemacht hat und heute nicht mehr gehen.
    Ich versuche ihr Erinnerungen nach Hause zu bringen, durch Erzählungen und Bilder.

    Aber etwas werde ich trotzdem bald versuchen. Ein Spaziergang durch die Kölner Südstadt. Da ist sie aufgewachsen. Danke für die Inspiration!
    Gruß aus dem Kölner-Norden.

  3. Lust auf Langsamkeit und die kleinen Dinge genießen! Die Geschichte ist so gut geschrieben, dass man sich vornimmt im nächsten Urlaub mehr zur Ruhe zu kommen.
    LG Anne

  4. Hallo Astrid, sehr schön geschrieben, hatte das Gefühl mit dabei zu sein. Es war sicher für Euch beide eine unvergessliche Zeit. 🙂 Herzliche Grüße Marita

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